Die erste
Tradition ist die Weibliche
Genital-Verstümmelung (FGM, vom englischen
“Female Genital Mutilation”). In vielen Ländern der Erde, die Anzahl
der Länder nimmt wegen der Einwanderungen zu, werden Frauen
einer brutalen Prozedur unterworfen, bei der ihre
äußeren Genitalien teilweise oder völlig
weggeschnitten werden. In manchen Fällen wird die Vulva
zugenäht, nur eine winzige Öffnung für Urin und
Menstruationsfluss bleibt übrig. Die Praxis wird auch in
manchen Einwanderergruppen in Industrienationen wie den USA,
Großbritannien, Frankreich usw. ausgeführt. Die Menge an
entferntem Gewebe variiert zwischen lediglich der Klitorisvorhaut
bis zur völligen Entfernung der kompletten Klitoris, beider
kleinen Labien und Teilen der großen Labien. Diese
Verstümmelung wird oft schon an kleinen Mädchen
vorgenommen, die gar nicht wissen, was ihnen angetan wird oder
wurde. Manche Frauen wünschen auch diese Prozedur,
wenn sie nicht im Kindesalter an ihnen vorgenommen wurde, weil ihre
negativen Gefühle für ihre Klitoris und die
äußeren Genitalien sehr stark sind, und sie sich
verpflichtet fühlen, das gleiche wie ihre Mitfrauen zu haben
und genauso zu sein wie diese.
Diese
Prozedur wird oft von unerfahrenen Leuten vorgenommen, meist
Frauen, die diesen Mädchen und Frauen schwere Verletzungen
zufügen, zusätzlich zur geplanten Entfernung der Organe.
Die Verstümmelungen finden gewöhnlich unter sehr
unhygienischen Umständen statt, was oft zu schweren
Infektionen und sogar Todesfällen führt. Die gleichen
verschmierten Schnittwerkzeuge können bei der gleichen
Zeremonie für mehrere Mädchen verwendet werden, was
Krankheiten wie AIDS verbreitet. Manche Mädchen werden von
erfahrenen Ärzten verstümmelt, was zwar die Gefahr der
Komplikationen verringt, die Mädchen aber dennoch ihrer
äußeren Genitalorgane beraubt.
Diese
Praktiken werden seit tausenden von Jahren ausgeführt. Ein
großer Anteil der Frauen, die verstümmelt wurden,
empfinden diese Praxis als normal, wünschenswert und
notwendig. Auch wenn sich eine Mutter dagegen entscheidet, dass
ihre Tochter verstümmelt wird, wird das Kind manchmal von
älteren Verwandten entführt und gegen den Willen der
Mutter verstümmelt. Dieser Glauben ist in den Gedanken der
Frauen tief verwurzelt. Sie wissen oder glauben, dass ihre Tochter,
Enkelin oder Nichte keinen Ehemann finden wird, wenn sie nicht
verstümmelt sind. So sehr wir diese Praxis verabscheuen, wird
sie doch wohl noch viele Jahre fortbestehen.
FGM hat
große Auswirkungen auf weibliche sexuelle Freuden und
Glücksgefühle, aber sie eliminiert sie nicht. Das
Verlangen einer Frau nach Sex wird von Hormonen,
Testosteron, kontrolliert, daher mag sie immer noch Lust auf
Sex haben, auch wenn ihre Fähigkeit, diesen zu genießen
oder gar ihn überhaupt auszuführen, stark
eingeschränkt ist. Wenn die Vaginalöffnung nicht von
Narbengewebe umgeben ist, kann sie vaginalen Verkehr genießen
und Orgasmen haben. Wenn die Vaginalöffnung klein und
verwachsen ist, kann Verkehr zur Folter werden. Manche Frauen haben
noch einen empfindlichen Bereich, wo sich vorher ihre Klitoris
befand. Auch wenn Frauen, die die Klitoris entfernt bekommen haben,
nicht so orgasmisch sind wie Frauen, die eine Klitoris haben,
können sie den Sex doch ebenso genießen, wenn sie das
Gefühl haben, eine gute Ehefrau zu sein, die die
Bedürfnisse ihres Ehemanns befriedigt. Freut sich der Mann,
freut sich die Frau. Auch wenn wir sie als sexuell behindert
betrachtet, ist es wichtig zu erkennen, dass sie sich selbst nicht
so sehen. Sie sehen sich als selbst als normal. Das macht es um so
schwerer, diesen Praktiken ein Ende zu setzen. Erst wenn diese
Frauen eine Allgemeinbildung bekommen, werden sie auch etwas
anderes kennen, aber seltsamerweise unterstützen auch manche
hoch gebildeten Frauen diese Praxis.
Eine zweite
Tradition, die negative Auswirkungen auf die Klitoris hat, ist die
Klitoridektomie, die
chirurgische, komplette oder teilweise Entfernung der
Klitoris. Auch wenn es sich hierbei um eine Form der FGM
handelt, findet sie dennoch in modernen Krankenhäusern in den
USA und anderswo statt, vielleicht auch im Krankenhaus an
Ihrem Ort. Manche Mädchen werden mit einer vorstehenden
Klitoris geboren, andere Säuglinge haben Genitalien, die
sowohl männlich wie weiblich aussehen, und manche
männliche Säuglinge haben einen kleinen Penis.
Anscheinend sieht eine Mehrheit der Ärzte diese Säuglinge
als unvollkommen und behandlungsbedürftig an, damit sie nicht
mit dem Gefühl aufwachsen, anders und unvollkommen zu
sein.
Diese
Ärzte nehmen an, dass das „Problem“ in der
frühen Kindheit korrigiert werden muss, damit sie keine Narben
auf der Seele davon tragen. Daher schneiden diese wohlmeinenden
Ärzte die „große“ Klitoris ab oder
kürzen sie, und verwandeln Hermaphroditen und Jungen mit einem
kleinen Penis in Mädchen. Der Grund dafür, dass sie zu
Mädchen gemacht werden, ist, dass es leichter ist
abschneiden als anzunähen. Diese Verfahren beschränken
sich nicht auf Säuglinge, auch Teenager-Mädchen haben
ihre Klitoris ohne ihre Zustimmung entfernt bekommen, auch wenn das
Mädchen ihre Klitoris mochte.
Viele dieser
Ärzte erzählen den Eltern, dass die Operation
ausgeführt werden müsse, oder überzeugen die Eltern,
es wäre das beste für ihr Kind und dass das Kind
später ein normales Sexualleben führen können. Diese
Ärzte, meist Männer, erzählen den Eltern, dass ihre
Tochter ein normales Sexualleben führen wird, auch wenn
niemand genau wissen kann, welche Auswirkungen die Operation auf
das Empfindungsvermögen der Genitalien des Mädchens haben
wird. Wenn ein Mädchen nie erfahren hat, wie ein Leben mit
einer Klitoris wäre, wie kann sie dann wissen, dass sie
ohne eine Klitoris das gleiche Mädchen ist?
Mitunter sind
es die Eltern, die eine operative Korrektur wünschen, weil sie
denken, mit den Genitalien ihres Kindes wäre etwas nicht in
Ordnung. Sie befürchten, jemand würde etwas sagen,
während die Windeln gewechselt werden.
Wenn Ihre
Tochter, Enkelin oder Nichte mit einer hervorstehenden Klitoris
geboren wird, lassen Sie sie behalten und genießen. Sagen Sie
ihr, das sei ihre Klitoris, damit Sie ihr Selbstsicherheit geben
können, wenn sie über die
Größe beunruhigt sein sollte. Wenn ein Mädchen
große Brüste hat, verlangen wir ja auch nicht von ihr,
diese verkleinern zu lassen, aber bei einer großen Klitoris
tun wir das, eine interessante Doppelmoral hinsichtlich zweier
gleichwertiger weiblicher Sexualorgane. Eine Klitoris bleibt eine
Klitoris, auch wenn sie wie ein Penis aussehen sollte, solange sie
an einem Mädchenkörper ist.
Die dritte
Tradition, die die Klitoris negativ beeinflusst, ist die Verleugnung. Die meisten
Gesellschaften sprechen Mädchen und Frauen die Existenz ihrer
Klitoris ab. Wir führen eine mentale Klitoridektomie an ihnen
durch. Auch wenn sie körperlich gesehen immer noch eine
Klitoris haben, sind sie sich dessen geistig nicht mehr
bewusst.
Wir
erzählen kleinen Mädchen, sie hätten eine
„Vagina“, wenn wir ihre äusseren Geschlechtsteile
benennen. Wir erwähnen nicht das Wort „Vulva“ oder
„Klitoris“. Indem wir Mädchen nicht erzählen,
dass sie eine Vulva und eine Klitoris haben, verleugnen wir ihre
Existenz. Indem wir alles als „Vagina“ bezeichnen,
machen wir ihnen nicht bewusst, das noch die anderen genitalen
Bereiche existieren. Wenn ein Mädchen diese Bereiche dann
entdeckt, kann sie sich fremd und anders fühlen und annehmen,
dass niemand sonst so etwas hat. Die Vagina ist ein verborgenes
Organ, das man nicht sehen kann. Mädchen sollten schon lange,
bevor sie etwas über ihre Vagina hören, von der Existenz
ihrer Vulva und ihrer Klitoris erfahren. Für junge
Mädchen existiert das, was sie nicht mit ihren eigenen Augen
sehen können, nicht.
Als Teil
dieses Verleugnungsprozesses erwarten wir von Mädchen und
Frauen, dass sie ihre Genitalien verstecken. Wir konditionieren
Mädchen dazu, sich ihrer Genitalien zu schämen, und
bringen ihnen bei, sie verborgen zu halten. Auch wenn wir uns
vieler Dinge, die wir tun, nicht bewusst sind, tun wir sie dennoch.
Warum bestehen wir darauf, dass kleine Mädchen im Bett
Unterwäsche unter ihren Pyjamas und Nachthemden tragen? Warum
ziehen wir ihnen in heißen Sommernächten Pyjamas an,
obwohl wir wissen, dass es ihnen zu heiss wird und sie nicht
schlafen können? Warum ziehen wir Mädchen kurze Kleidchen
an und tadeln sie dann, wenn sie nicht darauf achten, dass man
ihre Unterwäsche sehen kann? Warum bestehen wir darauf,
sie bei der Untersuchung ihrer Genitalien zu unterbrechen, und
müssen ihnen dann sagen, dass wir über diese
Aktivitäten nicht erfreut sind? Wir verstecken etwas, dessen
wir uns schämen; indem wir die Genitalien unserer Töchter
vor uns und ihnen selbst verstecken, sagen wir, dass wir uns
für sie schämen. Auch wenn wir kein FKK machen
müssen, um sexuell gesunde Töchter groß zu ziehen,
müssen wir doch aufpassen, ihnen keine falschen Signale zu
senden.